Lied der Weite von Kent Haruf

Als die 17-jährige Victoria merkt, dass sie schwanger ist, wird sie von ihrer Mutter verstoßen. Dank einer ungewöhnlichen Idee ihrer Lehrerin Maggie Jones kommt Victoria bei den beiden Brüdern Harold und Raymond McPheron unter, zwei gealterten Junggesellen, die seit Jahren ihren Bauernhof alleine bewirtschaften. Parallel lernt man Tom Guthrie und seine Söhne Ike und Bobby kennen, die damit zu kämpfen haben, dass ihre Mutter sie verlassen hat.

Nachdem ich Anfang des Jahres ganz eingenommen von Unsere Seelen bei Nacht war, habe ich mich sehr auf das neue Buch von Kent Haruf gefreut. Wobei „neu“ etwas irreführend ist, da es bereits 2001 unter dem Titel „Flüchtiges Glück“ ins Deutsche übersetzt wurde und im Original bereits 1999 erschienen ist.

Ähnlich wie bei „Unsere Seelen bei Nacht“ ist das zentrale Thema des Buches, nicht alleine zu sein und in ungewöhnlichen Konstellationen zusammenfinden. Es ist sehr herzerweichend mitzuverfolgen, wenn die beiden alten Brüder – und lebenslange Junggesellen – sich unbeholfen um Victoria bemühen und für sie sorgen. Vergleiche zwischen dem Bekannten (Aufzucht von Kühen und Kälbern) und Unbekannten (Schwangere Jugendliche) sind teilweise sehr amüsant.

„Ich weiß schon, es klingt verrückt, sagte Maggie. Wahrscheinlich ist es das auch. Keine Ahnung. Ist mir auch egal. Aber das junge Mädchen braucht jemanden, und ich bin zu jeder Verzweiflungstat bereit. Sie braucht ein Zuhause für die vor ihr liegenden Monate. Und sie – sie lächelte die beiden an – , zwei so einsame alte Kerle wie Sie brauchen auch jemanden. Jemanden, für den Sie sorgen, etwas, worüber Sie sich Gedanken machen können, nicht nur immer ihre alten roten Kühe.“ (S. 140)

Des Weiteren lernt man die beiden Kinder Ike und Bobby kennen, die seitdem ihre Mutter die Familie verlassen hat, mit ihrem Vater alleine leben. Zu Beginn ist die Mutter in einem depressiven Zustand, wobei man nicht erfährt, wie es dazu kam. Man begleitet die Jungen in ihrem Alltag, ihrem Nebenjob und wird auch Beobachter einer ziemlich ekligen Obduktion eines Pferdes.

Fazit

Insgesamt wirkt das Buch wie ein Robert Redford Film, der in ruhigem Erzählton diese kleine Geschichte erzählt und insgesamt viel von der ländlichen Stimmung einfängt. Mir war dies allerdings etwas zu wenig, da sich die Handlung durch die ruhige Erzählart sehr zieht. Die zentrale Handlung – Victoria findet bei den Brüdern McPheron ein neues Zuhause – beginnt beispielsweise erst nach 140 Seiten.

Ich denke aber, dass man mit diesem Buch einen guten Eindruck vom Leben der Menschen in ländlichen Gegenden von Colorado Ende der 1990 Jahre bekommt. Wer ein ruhiges Buch mit einer herzerwärmenden Konstellation sucht, macht mit „Lied der Weite“ nichts falsch. Wer allein wegen „Unsere Seelen bei Nacht“ zu dem Buch greifen möchte, sollte nicht enttäuscht sein, wenn die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden.

Titel: Lied der Weite
Original: Plainsong (1999)
Autor: Kent Haruf
Verlag: Diogenes (VÖ: 12.01.2018)
Preis: 24,00 Euro
- Leseexemplar, Seitenzahl des Zitats kann abweichen -

Vielen Dank an vorablesen und Diogenes für das Rezensionsexemplar!

1 Antwort

  1. 15. Januar 2018

    […] »Insgesamt wirkt das Buch wie ein Robert Redford Film, der in ruhigem Erzählton diese kleine Geschichte erzählt und insgesamt viel von der ländlichen Stimmung einfängt.« – Hochhorst Buchblog […]

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